Mohammed-Karikaturen "Inakzeptable Kapitulation vor dem politischen Islam"

Stand: 19.04.2021 12:18 Uhr

Von Joachim Wagner

Hessens Kultusministerium weist Lehrer darauf hin, dass die Verwendung von Mohammed-Karikaturen im Unterricht gefährlich sein könne - ein hoch umstrittener Schritt. Mancher Lehrer findet: Nach dem Mord an Samuel Paty müsse man solche Darstellungen erst recht thematisieren. "Lehrer. Die Opfer des Laizismus": So thematisiert das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" den Islamisten-Mord an Samuel Paty Quelle: Getty ImagesMoment RF/Dan Reynolds , imago images/IP3press/JeremiasxGonzalez, Montage WELT

Die Mail verschickte der Dienstherr kurz vor Weihnachten. Hessens Kultusministerium schrieb am 21. Dezember an die 1800 Schulleiterinnen und Schulleiter des Landes, es gebe beunruhigende "Hinweise/Anregungen im Zusammenhang mit der Thematisierung des Mordes an dem französischen Lehrer Samuel Paty".

Mit Verweis auf eine Anregung durch das Landeskriminalamt (LKA) heißt es darin: "Das Zeigen der Mohammed-Karikaturen oder jede bildliche Darstellung des Propheten Mohammed kann als islamkritisches Verhalten interpretiert werden, das emotionalisierend und unter Umständen auch mobilisierend wie radikalisierend auf den Empfängerkreis, auch Schülerinnen und Schüler, wirken kann."

Neben Unmutsbekundungen, so steht es in dem Schreiben aus dem Hause von Minister Alexander Lorz (CDU), könne "dies im Einzelfall auch schwerwiegende, polizeilich relevante Reaktionen in Form von körperlichen Übergriffen bis hin zu schweren Gewalttaten gegen die vermeintlichen Urheber bzw. Verantwortlichen der Verunglimpfung nach sich ziehen".

Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU)
Quelle: pa/dpa/Sven Braun

Auslöser der Gefahrenanalyse waren Reaktionen von Schülern im Umfeld und während einer Schweigeminute für den in Frankreich ermordeten Samuel Paty. Zu dieser hatte die Kultusministerkonferenz aufgerufen, nachdem der Lehrer am 16. Oktober auf der Straße enthauptet worden war. In den Augen des Täters, eines 18-jährigen Islamisten, hatte das Vergehen Patys darin bestanden, den Propheten durch das Zeigen von Mohammed-Karikaturen im Unterricht beleidigt zu haben. Auf Nachfrage erklärt das LKA, es sei während der Schweigeminute "neben Zwischenrufen auch zu rechtfertigenden Äußerungen im Sinne der Tathandlung bis hin zum Androhen vergleichbarer Taten gegenüber Lehrkräften" gekommen. Es gab demnach keine "konkreten gefährdungsrelevanten Hinweise".

Dennoch "regte" das LKA dazu an, "deeskalierend im Bildungsprozess mit diesem Themenkomplex umzugehen und zu bedenken, welche negativen bis hin zu radikalisierenden Auswirkungen bereits das Zeigen von Mohammed-Karikaturen oder sonstige bildliche Darstellungen im Einzelfall zur Folge haben können".

"Einlenken belohnt Täter und Drohende"

Die hessische Warnung ist bisher die einzige dieser Art in Deutschland. Obwohl die "Hinweise/Anregungen" vorsichtig formuliert sind, ist die Botschaft nach Ansicht von Migrationsforscher Ruud Koopmans vom Wissenschaftszentrum Berlin klar: "Kein Lehrer wird sich nach dem Lesen des Schreibens noch trauen, die Karikaturen zu zeigen."

Ihm missfällt, dass hier "einfaches Einlenken Täter und Drohende belohnt sowie das Gedächtnis an Samuel Paty und andere Opfer verhöhnt, die die Intoleranz gegenüber Glaubenskritik gefördert haben". Die Frankfurter Islamwissenschaftlerin Susanne Schröter brandmarkt die Empfehlungen gar als "inakzeptable Kapitulation vor dem politischen Islam".

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Der Düsseldorfer Bildungs- und Islamexperte Klaus Spenlen moniert, dass der "Duktus" des Schreibens "eher Passivität fördert" und "vor pädagogischem Engagement warnt". Spenlen vermisst unter anderem die Beratung mit Netzwerk-Lotsen, geschulten Pädagogen, die sich in Hessen um Extremismusprävention kümmern.

Der Lehrerfortbilder Kurt Edler sieht die starke Betonung des Sicherheitsaspekts im Vergleich zum pädagogischen Auftrag kritisch. Für den Ex-Lehrer ist die "Beiziehung der Sicherheitsorgane bei der Bewältigung schwieriger methodisch-didaktischer Fragen keine Lösung".

Indes verteidigt ein Sprecher des Kultusministeriums die Empfehlungen: "Wenn Sicherheitsbehörden darauf hinweisen, dass in bestimmten Situationen im Einzelfall neben verbalen Unmutsbekundungen schwerwiegende, polizeilich relevante Reaktionen in Form von körperlichen Übergriffen nicht ausgeschlossen werden können, müssen Schulen darauf hingewiesen werden, um entsprechend präventiv und notfalls intervenierend mit solchen Situationen umgehen zu können."

Tatsächlich waren auch in Berlin, Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg Schüler bei der Paty-Schweigeminute aufgefallen, weil sie gestört, ihre Teilnahme verweigert, Verständnis für den Mörder von Paty geäußert haben oder gar selbst mit Gewalt drohten. Hier meldete sich eine kleine aggressive islamistische Minderheit zu Wort.

So war es auch rund ein Jahr zuvor im Kreis Offenbach: Dort kam der Vater eines Schülers in Begleitung eines Predigers in ein Gymnasium und warf der Leitung "Rassismus und Islamphobie" vor, weil dort im Unterricht Mohammed-Karikaturen aus der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" gezeigt worden seien. Der Vater stellte zudem ein Video ins Netz, in dem er dem Lehrer und der Schule "Hass auf Muslime" unterstellte.

Oder erst recht zum Thema machen?

Und wie gehen die Pädagogen mit dem Risiko solcher Anfeindungen um? Für Christian Keller, der Politik und Wirtschaft an einem Offenbacher Gymnasium unterrichtet und sich bei der Gewerkschaft VBE engagiert, haben die Empfehlungen seines Kultusministers "nichts verändert": Der darin geforderte "flexible und sensible Umgang" sollte seiner Meinung nach "Standard" sein.

Keller will die Mohammed-Karikaturen in der Oberstufe weiter nutzen, genauso wie satirische Zeichnungen über den Papst - um "religiöse Neutralität zu wahren". Allerdings rät der Lehrer zur Vorsicht, wenn "in Lerngruppen Schüler mit extremen Ansichten sind und die Gefahr besteht, religiöse Gefühle zu verletzen". Er achte darauf, dass seine "pädagogische Beziehungsarbeit nicht durch unbedachten Einsatz der Karikaturen gestört wird".

Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes, hat gehört, dass einige Kollegen die Karikaturen nicht mehr nutzen wollten. "Die Angst ist da", berichtet sie.

Migrationsforscher Koopmans hebt den Bildungsauftrag in der Demokratie hervor. Meinungen und Äußerungen, die der eigenen widersprechen, müssten ausgehalten werden: "Dieser Auftrag lässt sich nur schwer erfüllen, wenn die Schule in vorauseilendem Gehorsam missliche Äußerungen nicht zulässt."

Im Internet sammeln Tarek Badawia, Professor für Islamisch-Religiöse Studien in Erlangen, und der Dresdener Didaktiker Markus Tiedemann Unterstützer für ihre Forderung, die Karikaturen des Propheten sogar zum Pflichtthema in Schulen zu machen. Zu den Erstunterzeichnern des Appells gehören die prominenten Bundestagsabgeordneten Cem Özdemir (Grüne) und Dietmar Bartsch (Linke).


Quelle: welt vom 19.04.2021